Tiergestützte Intervention
Geschichte:
Schon seit Jahrtausenden profitieren wir Menschen - größtenteils unbewusst - von der Anwesenheit von und Kameradschaft mit Tieren. Neuste Forschungen des Anthropologisches Instituts der Universität Mainz an genomischen Daten ergaben, dass der Zeitraum der am wahrscheinlichsten für die Domenstikation anzunehmen ist vor 20-40.000 Jahren und somit schon während der Eiszeit war.
Erste Anfänge, die als Vorläufer der heutigen Tiergestützten Intervention gesehen werden können, fanden in der angelsächsischen Welt im neunten Jahrhundert statt. Zu dieser Zeit "integrierten Familien im Sinne einer 'Therapie naturelle' Tiere in die Betreuung von Menschen mit Behinderung. Im 18. Jahrhundert gaben im York Retreat Quäker psychisch kranken Menchen Tiere zum Versorgen, um die Selbstwirksamkeit zu fördern." (Turner, Wohlfahrt, Beetz, 2018, Tiergestützte Intervention, S. 14)
Seither gab es viele Publikationen, die sich mit der Bedeutung und Wirkung von Tieren auf Menschen befassten. Es entstanden weltweit verschiedene Organisationen, vorrangig für die Arbeit mit Besuchstieren (vgl. ebd.).
Erst im Jahr 1990 wurde die International Association of Human-Animal Interaction Organizations (IAHAIO) gegründet. Sie zählt heute fast neunzig Mitgliedsorganisationen, die weit über 100.000 Mitglieder rund um die Welt vertreten. Die IAHAIO will das Fachgebiet "Mensch-Tier-Interaktion" durch Forschung, Bildung und Praxisentwicklung fördern (vgl. ebd., S.15).
2004 wurde in Europa ESSAAT (European Society for Animal Assisted Therapy) gegründet - ein Verein der sich dafür einsetzen, die Qualität der Aus- und Weiterbildung zu vereinheitlichen und zu verbessern
(vgl. ebd., S.16).
Definition
Basis der Tiergestützten Intervention ist die Beziehungs- und Prozessgestaltung im Beziehungsdreick Klient*in - Tier - Fachkraft. Es kommen Methoden zur Anwendung, bei denen Klient*innen mit Tieren interagieren, über Tiere kommunizieren oder für Tiere tätig sind (vgl. ebd. S.18).
Definition laut der IAHAIO: (vgl. ebd., S.19f)
Tiergestützte Intervention (TGI)
Oberbegriff für alle zielgerichteten und strukturierten Interventionen, die bewusst Tiere in Gesundheitsfürsorge, Pädagogik und Sozialer Arbeit einbeziehen und integrieren, um psychische, kognitive, oder soziale Verbesserungen bei Menschen zu erreichen
Tiergestützte Interventionen beziehen Teams von Mensch und Tier in formale Ansätze wie Tiergestützte Therapie (TGT) und Tiergestützte Pädagogik (TGP) sowie, unter bestimmten Voraussetzungen, auch Tiergestützte Aktivitäten (TGA) ein.
Tiergestützte Therapie (TGT)
zielgerichtete, geplante und strukturierte therapeutische Intervention, wird von beruflich im Gesundheitswesen, der Pädagogik oder der Sozialen Arbeit qualifizierten Personen im Rahmen ihrer Praxis innerhalb ihres Fachgebietes durchgeführt und/oder angeleitet.
TGT strebt die Verbesserung physischer, kognitiver, verhaltensbezogener und/oder sozio-emotionaler Funktionen bei individuellen Klienten an.
Die Fachkraft muss adäquate Kenntnisse über das Verhalten, die Bedürfnisse, die Gesundheit und die Indikatoren/der Regulation von Stress der beteiligten Tiere besitzen.
Tiergestützte Pädagogik (TGP)
zielgerichtete, geplante und strukturierte Intervention, die von Pädagog*innen (auch z.B. Erzieher*innen, Sonderpädagog*innen und Lehrpersonal) angeleitet und/oder durchgeführt wird
Der Fokus liegt auf akademischen Zielen, auf prosozialen Fähigkeiten und kognitiven Funktionen.
Die Fachkraft muss adäquate Kenntnisse über das Verhalten, die Bedürfnisse, die Gesundheit und die Indikatoren/der Regulation von Stress der beteiligten Tiere besitzen.
Tiergestützte Aktivität (TGA)
geplante, zielgerichtete informelle Interaktionen/Besuche, durchgeführt von Mensch-Tier-Teams mit motivationalen, erzieherischen/bildenden oder entspannungs- und erholungsfördernden Zielsetzungen
Die Mench-Tier-Teams müssen wenigstens ein einführendes Training, eine Vorbereitung und eine Beurteilung durchlaufen haben.
Effekte von Mensch-Tier-Interaktion: (Beetz, Wohlfarth, Kotrschal, 2018, Tiergestützte Intervention, S,27)
"Sozial:
- Steigerung von verbaler und nonverbaler Kommunikation, sozialer Interaktion
- Reduktion von Aggression
- Förderung von Vertrauen
Psychologisch:
- Reduktion von Depression und Förderung positiver Stimmung
- Reduktion von Angst
- Reduktion von Schmerzempfinden
- Förderung von Konzentration, Aufmerksamkeit und Motivation
Neurobiologisch:
- Reduktion bzw. Abpuffern von Stressreaktionen (Herzfrequenz, Blutdruck, Herzratenvariabilität, Hormon Kortisol)
- Steigerung des Oxytocin-Spiegels (Bindungshormon)"